Angelika Schuster / Tristan Sindelgruber - Persönliche Anmerkungen (Frühjahr 2000)
Wir hatten uns eigentlich nie mit dem Thema "Euthanasie" auseinandergesetzt. Im Gegenteil, gerade die nationalsozialistische Euthanasie und nationalsozialistische Menschenversuche "im Dienste der Wissenschaft" sind ein Thema, vor dem wir bis jetzt eigentlich zurückgeschreckt sind, weil es zu einem der unfaßbarsten, furchtbarsten und auch unheimlichsten Kapiteln der österreichischen Geschichte gehört. Mehr oder weniger zufällig sind wir jedoch auf zwei jener Menschen gestoßen, die nun in der Filmdokumentation "Spiegelgrund" im Mittelpunkt stehen: Frau Kosemund und Herr Roggenthien. Nach diesem Treffen haben wir intensiv zu den Themenbereichen NS-Euthanasie und "Spiegelgrund" recherchiert, und erste Überlegungen bezüglich einer filmischen Umsetzung und des inhaltlichen Schwerpunkts angestellt.

In weiterer Folge haben wir mit Herrn und Frau Kaufmann - bereits in der Hoffnung, sie für eine Filmdokumentation gewinnen zu können - Kontakt aufgenommen.

Wir hatten früher beide beruflich mit Jugendlichen zu tun. Wir haben dabei die Erfahrung gemacht, daß sich Jugendliche sehr für die nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs interessieren und keineswegs unpolitisch sind. Leider haben sie selten die Möglichkeit, mittels Erzählungen von Zeitzeug/innen, mehr über diese Zeit zu erfahren. Dabei sind vor allem die (Auto-)Biographien von sogenannten "schwer erziehbaren", "asozialen" Kindern und Jugendlichen (heute heißt das im Schulbereich ja "verhaltensoriginell") und deren Schicksal während der NS-Zeit - schon aufgrund der gleichen Altersstufe - für heute lebende Jugendliche besonders interessant.

Im Zuge der Beschäftigung mit dem Schicksal der "Kinder vom Spiegelgrund", standen wir dann natürlich auch vor der Tatsache, dass die Geschichte der Opfer und der TäterInnen nicht mit 1945 endet.
Gerade der anstehende Prozeß gegen Heinrich Gross verdeutlicht die nicht aufgearbeitete Vergangenheit dieser Zeit in der 2. Republik. Allerortens wird derzeit von einem "sich der eigenen Vegangenheit stellen" gesprochen. "Spiegelgrund" ist ein Versuch, diesem Ansatz in einem Teilaspekt gerecht zu werden. Wir hoffen, dass die Dokumentation auf großes Interesse stößt und auch medial unterstützt wird - allein schon um diese Auseinandersetzung zu ermöglichen.